Donnerstag, April 01, 2010

Unser Besuch in der Bergklause

Es gibt ja so Orte in der eigenen Stadt (oder auch im näheren Umfeld), die man immer schon mal besuchen wollte, die auch jeder Tourist kennt, aber irgendwie nie dazu kommt. Der Düsseldorfer Fernsehturm samt Restaurant gehört dazu, obwohl ich jahrelang dort gelebt habe. Das Atomium in Brüssel habe ich erst erklommen, als wir später eine Stippvisite mit Freunden gemacht haben, nicht zu meiner "Wohnzeit". Im nahegelegenen Hamburg wollte ich immer mal irgendwann "Cats" und das "Phantom der Oper" sehen - die im Übrigen lääängst weitergezogen sind.

In Kiel sind solche von mir noch nie besuchten Orte zum Beispiel der Rathausturm, der Botanische Garten oder aber die berühmt-berüchtigte "Bergklause" in Holtenau. Es werden sich wilde Geschichten über diese Eckkneipe mit Küche erzählt, über nicht schaffbare Portionen, eine rigorose Wirtin, eine gute Qualität der Speisen trotz geringem Preis und der Tatsache, dass alle, die ihr Fleisch nicht aufessen, danach für Karl-Heinz Böhms "Menschen für Menschen" spenden müssen.

Am letzten Sonntag war es dann soweit, wir fuhren zu viert nach Holtenau, erfreuten uns an der Tatsache, dass es abends um sieben noch hell war und betraten die "Bergklause", in der ich am Abend zuvor einen Tisch reserviert und gleich schon ein lustiges Gespräch geführt hatte. Die Bergklause sieht von innen so aus, wie man es von außen erwartet: Dunkle Holzmöbel, stoffbezogene Bänke, ein dominierender Tresen samt dazugehöriger Besetzung mit älteren Herren. Alles in allem: urig-gemütlich.

Als wir hereinkamen, wurden wir von einem älteren Herren begrüßt, der uns fragte, ob wir denn etwa essen wollten? Vom Essen werde man doch schließlich dick? Ich antwortete nur, dass von "werden" hier nicht mehr gesprochen werden könne und wir wurden von der weiblichen Bedienung an einen Tisch gebracht. die Speisekarte war übersichtlich, es gab diverse Kleinigkeiten, zwei "Kindergerichte", eine Seite mit Schnitzelgerichten und eine mit Steaks.

Die weibliche Bedienung kam an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen und plante rigoros um: Die Jungs wurden mehrfach gefragt, ob sie gute Esser seien, dem anderen Mädel wurde nahegelegt, statt dem normalen Schnitzel lieber den Kinderteller zu nehmen. Ich fragte nach der Menge des Rumpsteaks (ich bin gewohnt, dass da eine Grammzahl dahintersteht) und erhielt die Antwort: "Schaffbar". Meine Pommes wurden mir dahingehend gekürzt, dass ich sie mit der weiblichen Begleitung teilen sollte.

Nun gut: Die Bestellung war aufgegeben, wir hatten uns jede Menge zu erzählen, was jedoch regelmäßig unterbrochen wurde, um den Tellern mit den "Schnitzellappen" hinterherzuschauen, die an andere Tische gebracht wurden. Und hier kommt unsere Bestellung:





Erste Reihe: Kinderteller Schaschlikspieß und Kinderteller Schnitzel
Zweite Reihe: Rumpsteak mit Pilzen (reguläre Portion) und Schnitzel Holsteiner Art (reguläre Portion)
(draufklicken um mehr zu sehen, die Qualität liegt an dem Unvermögen der Handykamera, im dunklen besser zu knipsen)

Das Kinderschnitzel war vor allem viel Panade und viel Fleisch, und für die Bestellerin einfach nicht schaffbar. Der Rest wurde in Alu eingepackt und für den kommenden Tag als Mittagessen eingeplant.
Der Kinder-Schaschlikspieß war abwechselnd mit Zwiebeln aufgesteckt, zartes Fleisch und dann von Schaschliksauce ertränkt, deren Geschmack dominierte. Die Bratkartoffeln waren okay, aber keine Offenbarung. (Kommentar des Essers: "In der Alten Räucherei in Ellerbek schmecken sie besser.")
Zu meinem Rumpsteak, das unter einem großen Berg Champignons zu finden und reichlich mit grobem Pfeffer bestückt war, läßt sich vor allem sagen, dass man außerhalb eines Steakhauses kein Steak bestellen sollte. Obwohl in der Mitte rosa, war es an den Rändern doch äußerst zäh und am Ende auch noch sehnig, weswegen ich mich weigerte, für dieses "nicht aufgegessen" zu spenden. Die Kräuterbutter war lecker und reichlich (das ICH mal die Hälfte der Kräuterbutter übriglasse, wer hätte das gedacht?), die Pilze okay. Dazu einer "Garnitur" aus Gurkensalat, Selleriesalat und Bohnensalat, von denen ich nur die Gurken gegessen habe.
Der Einzige, der sich traute ein reguläres Schnitzel von der Karte zu bestellen erhielt eine Platte mit großem Schnitzel, Spiegeleiern, Bratkartoffeln und einem Berg Erbsen&Möhrchen aus der Dose - und hat alles aufgegessen!

Da alle vier Besucher mehr oder weniger aktive Twitterer sind, wurde natürlich auch die Followerschaft über dieses Ereignis in Wort und Bild informiert, und man merkte, dass am Sonntag abend nicht soo viel mehr los war :) So konnten wir gleich für "Kieler Hunger" herausfinden, dass es in der Bergklause leider keinen Mittagstisch gibt, und erfanden außerdem neue Wortschöpfungen. Alles in allem hatten wir einen sehr schönen Abend mit einer netten Bedienung und großen Portionen zu günstigen Preisen. Das Steak blieb leider weit hinter den Erwartungen zurück, meine Kleidung und ich rochen am nächsten Morgen stark nach Frittierfett und ich denke, dass wir es bei diesem einen Bergklausen-Besuch belassen werden.

Kommentare:

  1. Ich glaub's zwar nicht, frag aber trotzdem mal: Gibt's da auch was vegetarisches? Also, außer trocken Brot? Weil...notfalls könnte ich von da nach Hause rollen, so nah ist das :-)

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  2. Ich glaube ich schenke mir dann mal den Besuch ;)

    @ Aristokitten

    hahahahahaha

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  3. Guter Tipp, super beschrieben... Ich bin demnächst in der Bergklause, da war ich nämlich auch noch nicht... Große Portionen sind für mich kein Problem. Der rundumkielsche Magen ist unglaublich dehnbar...

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  4. Ich wohne ja jetzt seit zwei Jahren quasi um die Ecke und war auch noch nie da. Reizt mich aber auch nicht sonderlich, auch wenn der Liebste immer mal wieder meint, da müssten wir doch mal hingehen. Aber Riesenfleischportionen ziehen mich irgednwie nicht mehr so an. Und sonderlich gemütlich wirkte es auch mich auch nicht, so von außen.

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  5. guuut, endlich mal ein blogbericht über die berühmte bergklause. warum hab ich mir bloß immer schon gedacht, daß es da genau so ist? schon wie der fraß auf deinen fotos aussieht....oh nee. kantine, doppelte portion. da gibt es doch auch den "scheiterhaufen", oder? hab ich mal im tv gesehen. obwohl ich (viel zu) gern esse, bin ich keine freundin von xxl-portionen. braucht doch kein mensch in unseren breiten wirklich,oder?

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  6. Danke für den tollen Bericht. Hörte sich zu Anfang ja alles gar nicht so schlecht an, aber jetzt möchte ich da wohl doch lieber nicht hingehen.
    ;-)

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  7. wenn ich schon diese schaschlik-sauce sehe...

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  8. @yael: Die war übrigens kalt (ich hatte mit dem Finger was vom Rand genascht), wurde sozusagen vom heißen Fleisch auf dem sie lag erwärmt.

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  9. Danke für den Hinweis. Gäbe es dort einen Mittagstisch, wären wir sicher mal da vorbeigeschneit, trotz der durchwachsenen Bewertung hier ... :)

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  10. @Ane: Ich denke auch, dass jeder (Fleischesser) das mal erlebt haben sollte, wir haben wirklich sehr viel gelacht und Spaß gehabt. Nur Rumpsteak sollte man meiden :)

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  11. Hmm, also ich weiss nicht was die Erstellerin hat, ich und meine Jungs gehen fast alle 2 oder 3 Monate hin und lassen uns mässten ! Die Schnitzel sind einfach klasse, da kann diese olle XXL Fabrik einpacken... Da wird es lieblos auf einem Kuchenblech serviert. Denn lieber im Stück nicht als Schmetterling, durch und durch saftig in der Bergklause... Aber immer Bergab parken, damit man zum Auto rollen kann... Und das es kein Feinschmecker Lokal ist, sondern eine Kneipe mit uriger und über 30j bestehen, damals extra für die Soldaten die deftigen Portionen und ohne Werbung, ist die Kneipe am WE immer von Essern besucht...

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  12. Ich hab echt nix gegen die Bergklause, im Gegenteil, ich hatte voll Bock auf leckeres Essen mit Bratkartoffeln und nicht auf ein "Feinschmeckerlokal". Der Text oben beschreibt einfach nur die Begebenheiten bei meinem Besuch im Jahr 2010. Ich war selbst schuld, dass ich in einem "Schnitzelladen" ein Steak bestellt habe, aber eine Dose Gemüse auf dem Teller muss echt nicht sein.
    Damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, habe ich ja Bilder beigefügt. Wenn der Laden keine zufriedene Stammkundschaft hätte, würde er ja längst nicht mehr existieren. Es gibt also keinen Grund, sich hier für den angeblich so mißverstandenen Laden in den Schützengraben zu schmeißen, denn der Besitzer des Ladens denkt sich sicherlich ebenfalls seinen Teil "was stört es die alte Eiche, wenn sich eine Sau daran reibt" :)
    Wer weiß, vielleicht guck ich beizeiten nochmal vorbei und es gibt ein Update mit frischem Test und frischen Bildern.

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  13. Es gab in der Bergklausel mal ein Gericht das nannte der Wirt "Scheiterhaufen" ... Nomen est Omen kann ich da nur sagen ... Zu der Zeit gingen die Spenden noch an die Deutsche Seenotretter. K.A. wie es heute ist, aber ich muss da auch mal wieder hin ... meinen Scheiterhaufen hab ich jedenfalls nicht geschafft, und ich war zu der Zeit noch ein sehr guter Esser ...

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