Samstag, März 03, 2007

Indien ist ja seit ein paar Monaten für Spiegel online zum Quell der Nachrichten geworden. Nie habe ich soviele Berichte über die für mich langweiligsten, weil schon ewig bekannten Vorkommnisse in Indien dort gelesen wie in letzter Zeit.
Nachdem der indische Elefat (oder war es der indische Tiger?) die deutsche Industrie wider Erwarten doch nicht innerhalb von 3 Monaten übernommen hat und auch die Zahl der Computerinder weiterhin im überschaubaren Rahmen liegt, müssen also wieder die "exotischen" Geschichten herhalten, wie z.B. die letzten Probleme der Air India.

Wenn ich das hier lese, denke ich nur: Na und?

Mit Air India haben wir schon die "tollsten" Sachen erlebt, und fliegen doch immer wieder mit ihnen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass zwischen unseren Erlebnissen und letzter Woche alles eitel Sonnenschein lief. ....

Es begab sich im Oktober 1995, dass es die komplette Familie mal wieder nach Indien zog. Zu Weihnachten/Neujahr. Indische Hauptreisezeit. Super Idee.
Unser Stammreisebüro seit ca. 30 Jahren, Vazco Tours in Düsseldorf/Korschenbroich/Neuss (die ziehen einfach dauernd um) geriet natürlich ein wenig ins Schwitzen, denn es sollte nicht nur über Weihnachten sein, sondern natürlich auch zum Special Super Prize. 30 kg Gepäck wollten wir natürlich auch pro Nase mitnehmen (20 kg sind für Deutsche erlaubt), irgendwie sind wir ja doch Inder.
Und mit die ältesten Kunden. Irgendwie würde der Mann uns nach Indien bringen, ganz klar.

Was gab es? Mit der Lufthansa von HH nach Frankfurt, und von dort mit Air India nach Bombay, Zwischenstopp in Neu-Dehli. Papa verzieht schon das Gesicht, ist großer Lufthansa-Fan, aber wer spät bucht, muss nehmen, was ihn nach Indien bringt. Und wenn man eh schon so viele Stunden unterwegs ist, machen 2 h mehr auch nicht mehr viel aus.

Der Hinflug klappte auch prima, das Gepäck wurde von Hamburg aus bis Bombay durchgecheckt, wir mussten nur noch umsteigen und zwischendurch den Duty Free plündern - wir bekamen damals zum ersten Mal eigene Parfüms anstatt immer nur Schokolade, für mich ck one, für meinen Bruder ck be.
Der Urlaub war erste Sahne, wir wurden umhegt und umsorgt, gefüttert und beschenkt und mein Onkel schaffte es sogar, uns in der absoluten indischen Hauptreisezeit zwischen Weihnachten und Neujahr ein Hotel in Panjim in Goa zu organisieren, MIT Pool. Meine Mutter hatte nur einen günstigen Flug in Deutschland gebucht, "das Hotel besorgt uns Paul". Stimmt, hat er. Nettes kleines Stadthotel mit dem kältesten Pool, der mir je untergekommen ist. Und das mitten in Südindien!
Mein Bruder und ich verbrachten die Nächte vor der Glotze und guckten asiatischen Frauenfussball und bestellten massig "ButterNaan" (frischgebackene indische Brotfladen mit zerlassener salziger Butter) und trotteten tagsüber Pauls bestem Freund, der in Goa lebte und arbeitete hinterher, der nicht müde wurde, uns eine katholische Kirche nach der anderen zu zeigen.
Aber ich will ja eigentlich von Air India erzählen und nicht von Familienurlauben.

Also zurück nach Bombay, die Klamotten gepackt, gebetet, dass die Höchstkilogrenze auch auf dem Rückweg nicht überschritten wurde (Geschenke an die indische Familie raus, Geschenke für die deutschen Freunde rein) und dann des Nachtens ab zum Flughafen, man muss ja Stunden vorher da sein, damit Air India einen überhaupt mitnimmt.
Ansonsten eigentlich alles wie gewohnt: Die Mitarbeiter guckten grimmig (würde ich auch, wenn ich nachts um drei arbeiten müsste!) und schickten uns von Desk zu Desk, und an jedem Desk standen 2-3 Leute, die wichtig irgendwelche Listen durchsuchten und noch wichtigere Stempel in die Reisepässe drückten. Wenigstens immer in einer anderen Farbe und einer anderen Form. Rot & oval, lila und dreieckig, grün und quadratisch, daran erinnere ich mich. Waren aber bestimmt noch mehr.
Das "spaßige" war, dass wir zwar schon sehr früh unsere Boarding Cards bekamen - jedoch ohne Sitzplatznummer. Dafür mit Farben. Auch schön.
Erst am Gate selbst, dass wir nach dieser Stempelarie erreichten, wurden wir farbenweise aufgerufen, Mütter mit kleinen Kindern natürlich zuerst, was den durchschnittlichen indischen Geschäftsmann natürlich nicht interessiert, da wurden die schreienden Babys zur Seite gedrängelt, damit man auch gleich drankam.
Die Idee war eigentlich folgende: Erst die Leute in den Flieger, die ganz hinten sitzen, und dann nach vorn durchgehen, so stört sich keiner beim beladen der Fächer und häuslichen Einrichten der Plätze. In Fakt jedoch mussten wir - wirklich gaaaanz hinten positioniert - trotzdem an massig Leuten vorbei drängeln, die meinten, sich nicht an Aufrufe und Farben halten zu müssen und ihre BoardingCards schon vor uns eingesammelt hatten. Und natürlich die Handgepäckfächer stark überfrachteten.

Dann gings ab nach Dehli, klar. Wie der Hinflug, so auch der Rückflug mit Zwischenstopp. Und damit begann der Ärger. Denn in Dehli war Unwetter, Nebel und Smog (kommt das irgendwem der Spiegel-Artikel-Leser bekannt vor?) Also kreisten wir noch bestimmt eine Stunde über Dehli, bis man entschied, nach Bombay zurückzufliegen,. Klasse.
In Bombay hielt man uns noch ca. eine Stunde in der Maschine fest, niemand wußte, was loswar und wann es weiterging. Wie auch in dem Spiegelartikel beschrieben, war die Klimaanlage abgeschaltet, glücklicherweise war es noch seeehr früh am morgen und daher nicht so brüllend heiß.
Irgendwann wurde entschieden, dass wir das Flugzeug verlassen durften. Große Hektik, jeder wollte als erster hinaus, jeder wollte wissen, wie es weitergehen würde, jeder wollte die wenigen Münzfernsprecher nutzen, um den Liebsten die Neuigkeiten mitzuteilen. Nach langem Anstehen hatten auch wir die Gelegenheit, unseren indischen Verwandten die "frohe" Kunde mitzuteilen, dass wir noch in der selben Stadt verweilen würden. Überraschung!
Sofort wurden Pläne geschmiedet, uns abzuholen, aber woher sollten wir wissen, wann es weitergehen würde? Informationen gingen über den Flurfunk in die Runde. Flurfunk, ja, denn da saßen wir, kauerten auf dem Boden herum und konnten nichts anderes tun als zu warten. Irgendwann waren auch die letzten Batterien im Game Boy leergespielt, und ich muss zugeben, ich war so müde, dass ich keine rechte Erinnerung mehr an diese ewig langen Stunden habe. Geschlafen habe ich, auf dem Flurfußboden, und Essen gab es auch irgendwann zwischendurch. Sämtliche Vorschläge, doch einfach mit der Maschine direkt nach Frankfurt durchzufliegen und die Neu-Dehli-Passagiere einfach bei besserer Sicht hinzufliegen sowie die Dehli to FFM-Passagiere einfach einen Tag später mitzunehmen, prallten auf taube Ohren.
Es stellte sich auch heraus, dass wir den Flughafen eh nicht verlassen durften, dann wären unsere Plätze im Flieger weggewesen. Tolle Kiste.

Irgendwann ging es dann tatsächlich weiter, alle wieder rein in den Flieger - den selben übrigens, denn ich fand mein deutsches Kaugummipapier in der Sitzritze - ab nach Dehli, das wieder nebelfrei war, eine Handvoll Passagiere raus, eine handvoll Passagiere hinein, und ab nach Frankfurt, wo wir um kurz nach Mitternacht landeten.
Der Anschlußflug nach Hamburg war passenderweise gerade erst los, wir konnten ihn sogar noch sehen, wie er davon flog. Wir waren genau 26 Stunden länger unterwegs gewesen, und nun sollten wir auch noch über Nacht in Frankfurt bleiben?!

Wenigstens gings ins Steigenberger, wo wir ein paar Stunden schliefen, aber dafür das beste Frühstücksbuffet genossen, was wir Kinder in unserem Leben jemals gesehen hatten. Brunch, ja okay, dahin hatten uns die Eltern oft genug geschleppt, aber solche Mengen nur fürs Frühstück, das war schon spannend und versöhnte uns schon fast mit den zurückliegenden Strapazen. Kinder vergessen schnell, und ich bin mir sicher, dass damals die Saat gepflanzt wurde dafür, dass wir beide große Fans von Luxus à là gute Hotels, schönes Ambiente, opulentes Frühstück geworden sind, und plötzlich nahmen wir auch die Einladungen unserer Eltern, sie zu schönen Abendessen und in die Sauna zu begleiten, endlich an ;-)
Aber auch das steht auf einem anderen Blatt, und so beende ich "meine" Air India-Geschichte damit, dass wir gelernt haben, so wenig wie möglich 1-Stop-Flüge (ab einem Knotenflughafen wie Frankfurt oder Amsterdam) zu unternehmen.
Emirate Air fliegt von Hamburg über Dubai nach Bombay, vielleicht versuchen wir die mal.
Übrigens bin ich danach nochmal mit AirIndia geflogen, siehe auch http://daniela-in-india.blogspot.com Allerdings war das ein Direktflug von Frankfurt. Der hatte zwar schon in Frankfurt massig Verspätung, aber das konnte ich dank netter Bekanntschaft und gutem DutyFree-Angebot gut verschmerzen ;-)
Ich hatte eine 3-Personen-Sitzreihe ganz für mich allein und konnte den Rückflug komplett verschlafen (mit 1,60m passt man ja auch in so nen Dreier ganz gut hinein), nur geweckt durch den "chicken or beef?"-SingSang.

Bin mal gespannt, was als nächstes der große indische "Knüller" sein wird. Das Wahlsystem? Die Tatsache, dass Frauen in Indien studieren dürfen? Der Spaß, an der Hill Road eine Sporthose kaufen zu können, die sowohl Adidas-Streifen, einen springenden Puma als auch den Nike-Haken aufgestickt haben? Indische Kühe am Straßenrand? Hysterische Touristen vor dem Haus von SharRukh Khan, die immer zwischen mir und meinem Lieblings-Coffee-House am Band Stand stehen?

Gute Nacht euch allen!
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