Montag, September 11, 2006

Mein 9/11

Heute erinnert sich die Welt an 9/11. Auch Jens und Jens.

An den Vormittag des 11.9. vor fünf Jahren erinnere ich mich noch sehr genau.
Ich war bei meinen Eltern, unterhielt mich mit meinem Vater über Reisepässe und Visa, kramte in Mamis "offizieller Schublade" herum (die mit den Pässen, Kontoauszügen etc.) - und fand eine Klarsichttüte mit Photos.
Photos von meiner im Frühjahr verstorbenen Oma, die - wie in Indien üblich - im offenen Sarg aufgebahrt wurde, damit alle, die es in 3 Tagen dorthin schaffen konnten, sich noch einmal von ihr verabschieden können.
Wir haben es nicht geschafft - 3 Tage sind sehr knapp, wenn man Ticket und Visum benötigt (meine Mutter ist ja längst deutsche Staatsbürgerin, hat also Visumpflicht), und in Indien ist es aufgrund von Seuchengefahr etc. Pflicht, die Toten als bald als möglich unter die Erde zu bringen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie richtig um sie getrauert. Erst im September zuvor hatte ich sie besucht, gemeinsam mit meinem damaligen Freund, der mich im Februar gegen ein anderes Mädchen ausgetauscht hatte. Ich war entsetzt, dachte, ich litte an Liebeskummer, wo eigentlich nur mein Ego getroffen war. Auf jeden Fall hatte ich keine Tränen mehr, war ein emotional ausgewrungener Waschlappen, als die Nachricht vom Tod meiner Oma kam.
Am 11.9. nun fand ich diese Bilder, die Klarsichttüte ließ mir keine Chance, dem Anblick zu entgehen.
Sehr friedlich lag sie da, mein geliebter alter Drachen. Und so zerbrechlich.
Meine Augen schwammen in Tränen (so wie jetzt gerade), als ich ins Wohnzimmer ging, versuchte, mich mit meinem Vater, um Normalität bemüht, über die aktuelle Situation unseres Heimatvereins Fortuna Düsseldorf zu unterhalten.
Wir stritten uns ein wenig um die Tabellenplatzierung, so dass ich, wider der Gewohnheiten im Elternhaus bereits tagsüber den Fernseher anstellte, um im Videotext des WDR die aktuellen Spielstände und Tabellen zu erfragen (es gibt dort kein Internet).
Die ARD sprang an, und Uli Wickert war auf dem Bildschirm zu sehen, er erzählte, dass ein Flugzeug in einen der beiden World Trade Center-Türme hineingestürzt wäre.
Links neben ihm sah man in einem Bildschirm einen brennenden Turm, aber während Wickert noch erzählte, dass es keine Aufnahme davon gab, sah man im Hintergrund mit Entsetzen, dass auch der zweite Turm angegriffen wurde.
Wobei, kann man "Angriff" dazu sagen?

Ich war sowieso noch emotional angeschlagen, und begann sofort zu weinen. Menschen sprangen aus den Fenstern, man sah kleine Figürchen, die an den großen Türmen entlang flogen. Seltsam - bei meinem Besuch dort hatte man mir erzählt, dass die Fenster gar nicht zu öffnen seien.

Der nächste Griff ging zum Telefon - Anruf in New York versucht, abchecken, ob die Verwandten irgendwo in der Nähe waren. Nunja, damit waren wir wohl nicht die einzigen, und so dauerte es zwei quälend lange Tage, bis wir endlich die Gewißheit hatten, dass Vatsala und Co. am Leben waren. Doch es hatte einige Freunde getroffen. So ist es wohl überall - man kennt immer jemanden, der jemanden verloren hat.

Was genau danach kam, bin ich überfragt. Meine Mutter kam nach Hause, entsetzt, aber wir gingen ins Schlafzimmer und besahen lieber nocheinmal gemeinsam die Photos ihrer Mutter/meiner Großmutter.
Vielleicht habe ich deswegen einen emotionalen Schleier über die kommenden 5-10 Tage gehängt. Habe ich um die unfassbar vielen Opfer von 9/11 getrauert? Oder um meine Oma? Oder war ich aufgrund der Erfahrung emotional so offen, dass ich das Leid der halben Welt mitgetragen habe?

Bis heute habe ich es nicht zum Ground Zero geschafft. Und eigentlich will ich abwarten, bis alles wieder aufgebaut ist, so oft ich schon eingeladen war. Aber als ich zwischen den Türmen stand, fühlte ich mich wie im Vorspann von Dallas, und als ich unten zwischen den einzelnen World Trade Centern unterwegs war, gab es ein angenehmes Prickeln zwischen den Schulterblättern. Unfassbar, dass all das weg sein soll.

Die Erinnerungen an die Gedanken damals werden überlagert von Überlegungen, die ich in den letzten Jahren angestellt habe. Z.B. ärgere ich mich darüber, dass mir die Toten in NY näher gingen als die im Pentagon.
Ich ärgere mich darüber, dass ich mich habe vom 9/11-Emotiocon-Werbefeldzug habe einspannen lassen, wo doch auch in anderen Teilen der Welt jeden Tag Menschen sterben, sei es durch Hunger oder Krieg.

Ich habe gelitten mit den Menschen, die starben, und mit denen, die überlebten.
Und ich habe mich gestritten, mit dummen dummen Menschen, die tatsächlich die Toten in Afghanistan und Irak gegen die Toten im WTC aufrechneten.
Als wenn eins dieser Länder aktiv die USA angegriffen hätte!
Und musste mich darüber ärgern, dass eben diese Menschen gern mal Aussagen in den Raum stellten wie "ach ja, du bist ja auch nicht ganz rein Deutsch, welche Religion nochmal?". Katholisch, danke der Nachfrage.

Und stellte zum ersten Mal so richtig aktiv am eigenen Leib fest, wie es war, eine gegenteilige Haltung zur aktuellen Medienmaschinerie-Meinung einzunehmen.
Wer den Krieg in Afghanistan - der später nahtlos in den Irak überging, wenn man schon mal dabei war - kritisch betrachtete, war kein Patriot, kein Amerikafreund, schlimmer noch, ein Sympathisant der Taliban-Unterdrücker. Dass die Rolle des zu bekämpfenden Oberbösewichts kurzzeitig von Osama zu Saddam wechselte, war für sehr viele Menschen im Freundeskreis meines damaligen Partners aber völig legitim.

Vielleicht sind größere Katastrophen für mein kleines Gehirn nicht fassbar. Der Tod meiner Oma, der Verlust, den meine Großcousine bei 9/11 erlitten hat, das waren fassbare Ereignisse. Auch wenn die US-Armee in Afghanistan eine Hochzeitsgesellschaft in Schutt und Asche legte, weil es dort Feuerwerk gab, das ist für mich fassbar. Aber die Hohe Anzahl Toter, die ist für mich nicht fassbar. Vielleicht, wenn ich überlege, dass die Einwohner einer kompletten Kleinstadt plötzlich nicht mehr da sind. Vielleicht dann.
Auf jeden Fall war danach nichts mehr so, wie es vorher war. Und es gefällt mir nicht.
Friede allen Menschen, die gewaltsam sterben mussten. Ob nun im WTC, im Pentagon, in Afghanistan, im Irak, in den Zügen in Madrid und London, und Friede der Seele meiner Oma, die ich sehr sehr vermisse.
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