Montag, Juni 25, 2012

Hörn-Boykott oder wie man sich als Politiker zum Deppen macht

Bei dieser Kieler Woche war alles anders.
War es vorher ein Fest, auf dem Friede, Freude und Eierkuchen geherrscht hatten, wo die Waffeln und das Eis, der Burgunderschinken und das Bier genauso für lau waren wie die Musik, hat der Grinch im Jahre 2012 die Kieler Woche plötzlich kommerzialisiert. Mindestens.

Spaß beiseite, natürlich waren Wurst und Bier immer schon nicht billig, denn auch die Standmieten an die Stadt Kiel sind ganz schön happig und das muss erstmal eingenommen werden.

Aber die Sache mit der Hörn, die stimmt doch, oder?  Die nehmen Geld?
 Ja, das stimmt. Und das, obwohl unsere Stadtvertreter doch so bitterlich für uns gekämpft haben! Damit auch weiterhin ALLES auf der Kieler Woche eintrittsfrei bleibt. Steht hier:





Sieht man ja. Sie sprechen sich gegen "jedwede Form von Eintritt" aus. Pauschal, nicht auf Konzerte beschränkt. Nix soll was kosten. Also mit Ausnahme von "Gewaltig leise". Das ist ein Festival auf der Krusenkoppel und die Eintrittskarten kosten den Schnäppchenpreis von 15 bis 20 Euro. Warum genau dieses Festival nun Geld kosten darf und das an der Hörn nicht, das sagen sie nicht. Warum dieses "gewaltig leise"-Festival überhaupt zeitgleich zur Kieler Woche stattfinden muss, das beantwortet mir auch niemand.

Aber nun gut. Dann gibt es eben von nicht-kommerzieller Seite nur das "gewaltig leise"-Festival und ansonsten nur die bösen Grinch-Unternehmer an der Hörn, sonst ist alles eintrittslos, richtig?

Ähm. Nein.

Ein ganz kurzer Blick in das offizielle Kieler Woche - Programmheft (also all das, was ganz offiziell zur Kieler Woche gehört, nicht nur zufällig gerade zeitgleich stattfindet oder so) offenbart gleich am Freitag:

- 10:30 Uhr "Tamino Pinguin" Familienmusical; GEOMAR, Hafen (Mit Eintrittskarte)
- 15 Uhr dasselbe
- 20 Uhr "Was für ein Theater"; GEOMAR Hafen (Mit Eintrittskarte)
- 10:15 Uhr Besichtigung der Fähren der Color Line (Mit Eintrittskarte)
- 20 Uhr "Ik sööl een Mann, de nich kann", Theater am Wilhelmplatz (Mit Eintrittskarte)

Am Samstag kommen zu o.g. Daten noch andere hinzu:

- 21 Uhr "gewaltig leise: Inga & Nils", Krusenkoppel (Mit Eintrittskarte) - aber das wußten wir ja schon
- 9 Uhr "Der Einfluß biologischer Reize auf das Verhalten", Restaurant Seeburg (Mit Eintrittskarte)
- 11 Uhr Schnuppersegelangebote im Segelcamp 24/7" (Mit Eintrittskarte)
- 14 Uhr "Fahrt mit dem Museumsdampfschiff Bussard", Schiffahrtsmuseum (Mit Eintrittskarte)
- 10 Uhr Rathausturmfahrten (Mit Eintrittskarte)
- 14:30 Uhr Regattabegleitung (Mit Eintrittskarte)
-  9 Uhr "10. Baltic Senior Tanzturnier" (Mit Eintrittskarte)
-  11 Uhr Ausstellungseröffnung: Fotografien aus der Schwentineregion (Mit Eintrittskarte)

Ganz ehrlich? Ich hab keine Lust mehr, das weiter zu durchforsten, auch wenn da noch acht Tage warten. Was ich eigentlich nur zeigen will: Im ganz offiziellen "Kieler Woche Programm" stehen für jeden Tag zahlreiche Veranstaltungen, Konzerte, Vorträge, Sportveranstaltungen etc. die eintrittspflichtig sind. Danach kräht kein Hahn. Das war immer schon so.

Nicht aber die Leute an der Hörn. Da gab es so eine putzige Verkettung aus self-fulfilling-prophecy. Irgendjemand war empört und gründete eine Facebook-Gruppe zwecks Boykott der Hörnbühne. Das lokale Käseblatt hatte den Hinweis auf diesen Sturm der Entrüstung drei!!!!! Tage lang auf der ersten Seite (tageweise weniger auffällig). In der selben Kurve stieg auch die Anzahl der Mitglieder der Boykott-Gruppe und auch SHZ und Co. witterten den großen, völlig aus dem Nichts gekommenen Facebookprotest. Sozusagen von unten, aus dem Volk, gänzlich ungesteuert. WTF?!

Naja, kann mir eigentlich egal sein, ich besuche die Hörn jedes Jahr ca. bis zum Ocean Jump, laufe einmal rundherum, um beim "Unser Norden"-Dorf ein paar Erdbeeren zu esen und bleibe ansonsten heimatnah an Internationalem Markt, Altem Markt und NDR-Bühne. Könnte mir also egal sein.
Aber geht es nur mir so, dass man grundfalsche Behauptungen einfach nicht im Raum stehen lassen mag? Eben. Also hab ich darauf hingewiesen, dass es ein Sicherheitskonzept DER STADT gibt, dass vom Betreiber eine Zugangs- und Sicherheitsregelung verlangt. Mit schlappen 5 Euro ist es wohl auch eher ein Nennbetrag als echte Einnahmen. Ist ja nicht so, dass da jemand 20 Euro pro Ticket nimmt. (Also außer der "Gewaltig leise"-Bühne, aber es ist immer jemand gleicher als die anderen, warum sollte das hier anders sein). Was kam dann? Ich musste mir wüsteste Beschimpfungen anhören. Als ich den Begriff "gesunder Menschenverstand" benutzte (kennt man, oder?) wurden mir die Worte im Mund umgedreht, also dass ich damit jeden als "krank" (weil Gegenteil von gesund) bezeichnen würde, der nicht meine Meinung teile. WTF?!

Mit Freunden hatte ich einen witzigen Schlagabtausch zum Thema in der o.g. Boykott-Gruppe, wirklich liebe Menschen, bei denen man problemlos eine andere Meinung hat und fröhlich darüber debattiert. Irgendwann wurde ich darauf angesprochen: "Sag mal, warum hast Du Dich denn da rausgelöscht? Jetzt sehen meine Postings voll doof aus!". Da hat man mich tatsächlich zum Troll degradiert, bloß weil ich nicht wie ein Lemming "Boykott! Boykott!" gerufen habe. Hahahahahahaaaaaa .... nicht lustig.

Dabei ist es doch so einfach: Frühr ging das doch auch mit den großen Namen. Also was man so "große Namen" nennt. Seit ich beim Fördeflüsterer bin gibt es nicht ein Jahr, in dem nicht zur Veröffentlichung unserer großen Konzertübersicht das Genöle angefangen hat: "Uralt!" - "Das will doch keiner sehen!" - "Nie kommt mal was Gutes nach Kiel!"
Ja, früher. Früher hatten wir mal nen Kaiser. Franz. Aber "früher" war ein Auftritt bei der Kieler Woche auch ein Teil der Platten-Promotion für die Künstler. Da haben die für ein "Handgeld" gespielt. Heute will ein Casper (kennste nicht? Macht nix.) mal eben eine sechsstellige Summe für einen kurzen Kieler Woche-Auftritt. Das kommt mit ein paar verkauften Bier und Würstchen nicht rein. Und weil die Biere ja so teuer sind, haben eh immer mehr Leute die Sachen im Rucksack dabei. Ist ja auch ganz logisch und Grundrecht und überhaupt. Dass die Rechnung dann nicht aufgeht, ist solange egal, bis es nicht mehr geht.

Die Politik ist nicht besser

Mein persönliches Highlight wurde mir leider nur aus zweiter Hand mitgeteilt: Der Livestream zur dazugehörigen Ratsversammlung. Also die Menschen, welche die Geschicke der Stadt leiten. Muss ein Hühnerhaufen erster Güte gewesen sein. Die Linke (ihr wißt schon, die alte SED) war sich da mit der CDU komplett einig: Die regierende SPD sind die Bösen, die haben das zugelassen mit dem Hörn-Grinch. Also die Verpachtung des kompletten Hörngeländes, die war wohl schon unter der CDU-Oberbürgermeisterin so, und das jemand, der etwas pachtet, darauf Eintritt nehmen kann, ist eigentlich logisch - aber das ist der CDU total wurscht. Man nimmt sich das Recht, auf die Frage nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten nicht antworten zu müssen. Stattdessen schwadroniert Madame darüber, dass "gewaltig leise" schließlich ein ganz anderes Publikum anspreche, da wäre Eintritt okay, aber die Hörn sei ja nun so dicht an Gaarden dran und die Leute haben da ja auch nix anderes im Ghetto (Überspitzung von mir!) also Brot und Spiele und so für die Kieler Bronx. WTF?! (ja, das kommt heute öfter). Dass sich eine Veranstaltung rechnen muss, damit kein Minus gemacht wird, ist komplett egal. Ähnliches kam auch von der SPD-Ratsfraktion per Mail (hab ich noch irgendwo). Irgendso ein diffuser "die Kieler Woche darf keinen Eintritt kosten"-Quatsch.

Ganz ehrlich: Diese "Mit Eintrittskarte"-Veranstaltungen stehen mit Sicherheit auch in den Programmheften der letzten Jahre. Und das ist auch völlig okay, denn diese Dinge kosten Geld. Segeltörns, Ausstellungseröffnungen, Theateraufführungen. Aber eben auch Konzerte. Und da mit solchen Aussagen auf den Facebook-KN-Boykott-Möchtegern-Aufreger aufzuspringen ist noch peinlicher als peinlich. Dem Volk aufs Maul schauen heißt das glaube ich. Macht es nicht weniger armselig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass 90% aller Veranstaltungen, die ich da oben aufgelistet habe, nicht-kommerziell sind (Vereine, Theater etc.)

Nun ist die Kieler Woche rum. An der Hörn war zu Beginn relativ wenig los, aber ehrlich gesagt: Auf dem Rest der Kieler Woche auch. Das hab ich aus erster Hand. All den Menschen, die sich jetzt diebisch-hämisch freuen, dass die Eintrittsgeschichte an der Hörn "ins Wasser" gefallen ist, möchte ich nur wünschen, dass sie niemals in die Verlegenheit kommen, dass ihr Gehalt nicht für ihren Lebensunterhalt reicht. Solange wir noch GEZ zahlen. Denn von diesen Gebühren hat uns der NDR die Show am Ostseekai ermöglicht. Und Steuern. Denn von denen wird das Programm auf den öffentlichen Bühnen bezahlt. Also außer "gewaltig leise". Das steht vollkommen außer jeder Kritik, da sind sich alle einig.

Bin ich die einzige, die sich fragt, was da verkehrt läuft, wenn so viele Lemminge "Hörn-Boykott!" brüllen und auf meinen Krusenkoppel-Einwand mit "Das wußte ich nicht. Bist Du sicher?" oder sogar "Du lügst doch!" antworten?

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Nachtrag: Ich hab dann mal nach den ganz offiziellen Statements von Politikern gesucht. Interesse?

 Obwohl das Kieler Woche-Programmheft großräumig in Kiel erhältlich war (zur Not auch im Internet), behauptet die SPD-Ratsfraktion in ihrer Mail "Veranstaltungen auf der Kieler Woche 2012 - kostenfrei bis auf zwei": "Alle übrigen Veranstaltungen, [...]  sind nach Prüfung der Stadtverwaltung kostenfrei." und der SPD OV Kiel Mitte sogar "dass in diesem Jahr für eine der Kieler-Woche-Bühnen teilweise ein Eintritt verlangt" wurde. EINE? Soso.

Sonntag, Juni 24, 2012

Pass auf, was Du Dir wünschst - Tage wie diese

Man sollte sich genau überlegen, was man sich wünscht. In der Realität könnte es nicht halb so schön sein, wie man es sich vorgestellt hat.

Ja, das klingt jetzt irgendwie kryptisch und auch extrem weit hergeholt. Weil ich aber wahrscheinlich nach Schreiben dieses Textes eine tolle Überschrift gefunden habe (oder wenigstens eine aussagekräftige), wißt ihr schon, worum es geht, und ich muss gar nicht lange einleiten. Hoffentlich. Kommen wir also zum wesentlichen.

Die Toten Hosen. Aus Düsseldorf. So wie ich. Mit Fortuna 95 Düsseldorf verbunden. So wie ich. Zu Zeiten der teenageresken Identitätskrise, die wir wohl alle durchlaufen haben, waren sie mein Anker. Düsseldorfer, die ihr düsseldorfsein in die Welt getragen haben, gegen all diese "Köln ist doch viel cooler"-Spezis, die ich in meinem norddeutschen Exil traf. Abgesehen davon fand ich Campino in "Langer Samstag" auch noch sehr schnuckelig, aber der Mann ist gerade 50 geworden, also lassen wir das mal weg.

Was der kurze Exkurs sagen will, ist, dass ich mich, solange ich denken kann, als Fan bezeichne, nicht Hardocre, aber schon nach jeder Neuerscheinung, jedem Bootleg, jeder Kopie eines Konzertes aus Buenos Aires lechzend. Ich habe sie mehrfach erlebt in Kiel in der Ostseehalle, in Lübeck in der MuK (NIE WIEDER!) und in der Alsterdorfer Sporthalle (eine Sporthalle? Hallo? Scheiß Sound!).

Und nun sollte etwas Neues erscheinen. Nachschub für mich in meiner Welt aus diffusem Chart/Technokram für die Cyclingstunden und dem LinkinPark/Blink182/Kettcar-Gelöt, dass mich beim Putzen und Autofahren unterstützt. Mit Grausen dachte ich an "Strom", mit dem ich so gar nix anfangen konnte. Wie würde der neue Song bei mir landen? Er landete gut. Er landete sogar sehr gut. Ich saß im Auto, fuhr die Eckernförde an einem sonnigen Tag entlang, als delta radio die Premiere ankündigte, ich rechts ranfuhr, das Radio aufdrehte und hoffte.

Ich wurde nicht enttäuscht, "Tage wie diese" nahm mich sofort gefangen, schon in der ersten Strophe fühlte ich, wie ich "mit dem Strom" der gutgelaunten Menschen unterwegs war. Nicht auf den Rheinterrassen, sondern auf der Kieler Woche. Ja, der Song klang nach Kieler Woche par excellence, es war genau diese Stimmung, die jedes Mal gleich, aber doch jedes Mal anders ist. Scheiß auf die Konzerte, auf Eintrittspreise, auf zu teures Bier. Es geht um die Menschen, die man trifft, die Menschen, mit denen man seine Zeit verbringt, die Kulisse am Wasser. Einfach schön. Und da passierte es: Ich wünschte mir, dass die Toten Hosen mit diesem Song so richtig Erfolg haben würden. Dass noch mehr Kieler Woche-Besucher ihn hören und das empfinden würden, was ich in diesem Augenblick empfand. Doch ich tat das als Unsinn ab. Ein Song von den Toten Hosen ganz oben in den Charts? Das hatte es seit "10 kleine Jägermeister" nicht mehr gegeben und da war das putzige Video auf VIVA mit Sicherheit mit Schuld gewesen.

Wer diesen Text zeitnah nach seiner Erstellung liest, dem muss ich nicht erklären, dass "Tagen wie diese" eingeschlagen hat wie eine Bombe. Sofort auf die Eins der MediaControl-Charts, als Background zu den ARD-Fußball-Übertragungen, nicht nur beim denkwürdigen Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und der Berliner Hertha (wo es ja passte, Düsseldorf und DTH und so), sondern überall. Dauernd. Immer. Gefühlt bei allen Radiosendern von RSH über N-Joy bis zu NDR1. Alle Fußballübertragungen.

Bei Facebook kreiste dieses Bild und es ist sooo wahr:



Natürlich läuft es auch auf der Kieler Woche. Und es ist schön, dass meine Begleiter den Titel mit mir singen können. Der Kumpel aus Iserlohn (das ist von hier aus gesehen nahe bei Düsseldorf), der sich wohl auch manchmal als Exilant fühlt, genauso wie die Kumpanen, die gerade eine Woche im Bierkönig auf Mallorca gefeiert haben und den Titel dort ständig gehört haben. Mit eigener Version, versteht sich. Sozusagen Ed Hardy-Sonderedition.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Daher: Passt auf, was ihr euch wünscht.
Trotzdem kann ich es noch hören (nur nicht mehr so oft). Ich hoffe, das bleibt so.




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